Dämmerungsgesang I

Dies ist eine kleine Kurzgeschichte für Zwischendurch, die ich so nebenher fortführen werde. Viel Spaß beim lesen!

Dämmerungsgesang I

Was für ein Tag …, hallten Alex Gedanken wieder, als er sich die Kapuze seines Regenmantels überzog und die Türschwelle des Bürogebäudes verließ.
Wie immer hatte es reichlich Überstunden gehagelt, sein Chef war unzufrieden und die Kunden am Telefon dumm wie Bohnenstroh. Zu allem Überfluss musste er noch die letzte Bahn erwischen, wenn er noch vor Mitternacht zu Hause ankommen wollte.
Murrend schlang er den Mantel eng um seinen Körper und tauchte ein in die Menschenmassen, die auch bei Nacht nicht abzunehmen schienen. Lediglich die Art der Masse änderte sich je nach Tageszeit und diese war keine seiner Favoriten. Heruntergekommenes Gesindel kroch aus allen dunklen Ecken der Metropole und flutete die mit schummrigen Licht erfüllten Straßen. Wie ein zähes Gift wanderten vielköpfige Schlangen ziellos durch die Straßen und nahm alles mit in ihr verdorbenes Reich.
Ein Schauder rann Alex über den Rücken. Es widerte ihn an, zwischen all dem dreckigen Gesindel umherwandern zu müssen. Doch bald, bald war er zu Hause und dann gab es erstmal eine warme Dusche. Sich dem Strom ergebend, ließ er sich in Richtung U-Bahn treiben.
*
Alex wühlte in seiner Jackentasche nach ein paar Münzen für den Ticketspender, wie er den Automaten zu nennen pflegte. Er hoffte inständig, dass sein letztes Kleingeld reichte, sonst stand ihm ein langer Fußmarsch bevor.
Noch während er die letzten Münzen in den Schlitz warf und mit einem 20 Cent Stück kämpfte, das unglaublich an ihm zu hängen schien, fiel ihm eine unangenehme Gruppe auf … Irgendetwas in ihm weigerte sich den Kopf zu wenden, dennoch siegte die Neugier.
Eine finstere Meute, noch schmutziger als alles, was er je an Passanten erblickt hatte, lungerte ganz in seiner Nähe. Ihre Haut war blass, die Körper hager und dunkle Augenringe prangten wie Warnzeichen in den Gesichtern. Dennoch strahlten sie eine beunruhigende Art von Lebendigkeit aus. Einige von ihnen schienen sogar … zu knurren? Der Hüne, der die Gruppe überragte, bemerkte Alex Blick. Für eine Sekunde starrte ihn der Fremde an und Alex fühlte sich wie elektrisiert.
Erschrocken und unterwürfig wandte er sich von ihnen ab und konzentrierte sich so gut wie es ging auf das 20 Cent Stück. Eine Schlägerei war das Letzte, was er heute gebrauchen konnte.
Endlich schluckte das verdammte Ding sein Geld. Gesenkten Blickes eilte er durch die Schleuse und so schnell wie möglich an diesen Gestalten vorbei. Ein widerlicher Dunst schlug ihm entgegen. Er verspürte den Drang zu würgen, doch er riss sich zusammen. Pestilenz war das passende Wort für diesen Geruch. Das mussten irgendwelche Drogenjunkies sein, die hier ihr Geld für einen neuen Schuss zusammenklauen wollten.
Endlich erreichte er die nächste Treppe und wähnte sich in Sicherheit. Er folgte dem Bahnsteig bis an das hinterste Eck, um so weit wie nur irgend möglich von der Treppe entfernt zu sein.
Nur noch ein paar Minuten, beruhigte er sich, dann sitze ich endlich im Zug und bin sicher
*
Immer wieder wanderte sein Blick von der Uhr am Bahnsteig, über den Fahrplan bis hin zur Treppe. Zu seinem Pech meldete eine verzerrte Männerstimme über die Lautsprecher, dass der Zug eine viertel Stunde später eintreffen würde. Was es wohl in der U-Bahn für Gründe gab, das die Züge zu spät kamen?
Murrend kramte er in der Jackentasche nach einer Zigarette und dem Feuerzeug. Wenigstens einen kleinen Nikotinnachschub konnte er sich gönnen. Es waren ohnehin die letzten Zigaretten und er hatte fest beschlossen, diese Sucht endlich zu besiegen. Zumindest sobald sein Vorrat von noch fünf Packungen aufgebraucht war, die er so gut wie irgendmöglich zu strecken versuchte. Rauch füllte seine Lungen und er begann sich zu beruhigen.
*
Lautes Johlen erklang von der Treppe. Erschrocken fuhr Alex herum und ließ dabei den Rest seines Glimmstängels fallen. Eine Dreckwelle aus Dosen und Flaschen rollte die Treppe hinunter. Und ergoss sich über den Bahnsteig. Dicht dahinter folgte sinnlos schreiend die Pestilenzmeute vom Eingang.
Wie mechanisch wandte sich Alex um und starrte auf die gegenüberliegende Tunnelwand. Der Lärm und somit die stinkende Bande kamen immer näher, bis er schließlich von ihnen umringt wurde. Verzweifelt senkte er den Blick, um jeglichen Kontakt zu vermeiden. Es genügte ihm schon das sie ihn mit ihren widerlichen verschmutzten Kleidern gelegentlich streiften. Er wollte schon zur Seite gehen und einige Meter Abstand zwischen sich und die Fremden bringen, da dröhnte der herannahende Zug und die Leute schlossen sich in einer Traube eng um ihn. Doch dies schien nur im Affekt zu geschehen. Es sah so aus, als wüssten sie exakt, wo der Zug hielt. Der Hüne stand an der Spitze und der Rest in einem Knäul hinter ihm.
Ohne sich zu wehren, ließ Alex sich einfach von der Masse treiben und kam endlich in den Zug. Zum Glück blieb die unheimliche Bande im hintersten Abteil und Alex konnte nach vorne flüchten. Er suchte sich in einem der ersten Wagen ein ruhiges Plätzchen am Fenster und kauerte sich dort zusammen.
Der Zug kam wieder in Bewegung. Das Rumpeln und Schaukeln begann ihn einzulullen.
*
Ein Ruck ging durch den Zug und riss Alex aus dem Schlaf. Noch benommen lauschte er der Ansage, die heute aus weiter Ferne zu kommen schien.
Ob er schon da war?
Er konzentrierte sich auf den seltsam verzerrten Laut und begriff langsam, dass er nicht aus dem Lautsprecher kam, sondern aus dem hinter ihm liegenden Abteil.
War die Sprechanlage mal wieder defekt? Eines Tages würde dieser Zug sicher in seine Einzelteile zerfallen, noch während er auf den Schienen dahinrollte.
Ein Blick nach draußen verriet ihm, das er an der vorletzten Haltestelle war.
Der Krach im anderen Abteil wurde lauter. Vielleicht hatte der Schaffner auch wieder einen der unzähligen Schwarzfahrer erwischt? Neugierig blickte er über die Schulter, doch unzählige Köpfe, versperrten ihm die Sicht. Die Tür in sein Abteil schwang auf und Schreie zerrissen die Luft. Gemeinsam mit den unheimlichen Lauten kam ein bestialischer Gestank ins Abteil.
Erschrocken sprang Alex auf, so wie der Rest der anwesenden Zuggäste. Panisch drängten sie in den schmalen Weg und auf den Ausgang zu. Die Menschenmasse war so dicht, dass Alex es nicht aus seine Sitz herausschaffte. Adrenalin flutete seinen Körper. Er versuchte mit Gewalt, durch die sich bewegende Menschenschlange zu gelangen, doch vergebens. Brüllend und voller Angst schlugen sie ihn zurück auf seinen Sitz. Jeder wollte als Erster der drohenden Gefahr entkommen.
Übelkeit Überkam den jungen Mann, als er hörte, wie einige um ihr Leben bettelten. Die Stimmen erstarben unter gurgelnden Lauten.
„Lasst mich raus!“, brüllte er verzweifelt, „ich will hier raus!“
Fahrig blickte er in Richtung des Grauens. Blut strömte über die Wände und Decke des Abteils. Die Fremden, die ihm schon am Bahnhof nicht geheuer waren, begannen über die Sitze zu steigen. Unaufhaltsam, als wären sie keine menschlichen Wesen, jagten sie an der lebenden Menschenschlange vorbei, griffen sich ein hilfloses Opfer, zerrten es auf die Seite und begannen darauf einzuschlagen.
Alex hatte genug gesehen. Von diesem Anblick aufgescheucht rammte er die lange Menschenschlange und drängte sich mit roher Gewalt in die Reihen. Hinter ihm nahte schon einer der wahnsinnigen Drogenjunkies. Alex spürte eine Hand nach sich greifen und krallte sich sogleich mit der anderen in die Schulter einer jungen Frau. Sie kreischte entsetzlich, sodass ihm das Blut in den Adern gefror. Verzweifelt versuchte er sich von dem Irren loszureisen und spürte stechende Schmerzen in seiner Hand. In einer feigen Tat schob er die verängstigte Frau zwischen sich und das zugedröhnten Monster. Von der Kraft der Masse vorwärtsgetrieben wurde er mit der Menge mitgerissen und die junge Frau in die Sitze geschleudert. Er hörte nur noch ihren Schrei, spürte, wie von seiner Hand abgelassen wurde, und schwappte mir der Menschenmenge endlich ins Freie.
Er hatte keine Zeit mehr sich umzudrehen, er musste fliehen! Ohne darüber nachzudenken, folgte er der Menschenmenge.

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