Dämmerungsgesang II

Dämmerungsgesang II
Verschwommen erinnerte sich Alex an die letzten Ereignisse zurück. Zusammen mit den anderen Leuten war er hinausgestürmt und direkt in die Arme der Nachtwächter gelaufen. Der Lokführer schien bereits um Hilfe gefunkt zu haben. Schnell waren auch Polizei und Krankenwägen anwesend. Keine zehn Minuten später brach das nächste Chaos aus und die Täter entkamen durch die U-Bahn Tunnel.
Anschließend verbrachte Alex die halbe Nacht auf der Polizeiwache, bis er endlich an der Reihe war und seine Erlebnisse schildern konnte. Die Stelle mit der geopferten Frau ließ er einfach aus. Zum Glück kam auch niemand, um nachzufragen. Alle schienen so in Panik gewesen zu sein, das sie den brutalen Akt nur verschwommen wahrgenommen hatten. Letzten Endes wurden mehrere Taxis gerufen und er konnte endlich zurück in sein sicheres Zuhause.
*
Mit einer inneren Wohltat drehte er den Schlüssel um und ging in sein Apartment im vierzehnten Stockwerk. Schnell schloss er die Tür hinter sich, holte den Besen aus der Kammer und Verbarrikadierte die Tür. Für heute Nacht wollte er sicher gehen, dass diese Junkies ihn nicht verfolgten. Er wusste, dass es blanker Irrsinn war, dies zu glauben, dennoch wollte er einfach auf Nummer sicher gehen.
Durchatmend betrachtete er die verschlossene Tür und anschließend seine verbundene Hand. Dieser Junkie hatte ihn tatsächlich gebissen … Morgen würde er sofort zum Arzt gehen und sich auf eventuell Infektionen testen lassen. Das Notarztteam hatte zwar gute Arbeit geleistet, aber er traute seinem Arzt doch mehr als diesen übernächtigten Fremdlingen.
Ein Schauder rann über seinen Rücken und er eilte zum alten Küchentisch. Dort lag eine der fünf Zigarettenschachteln, die er eigentlich einteilen wollte. Doch nach dieser Nacht beschloss er eine Ausnahme zu machen. Schnell zündete er sich eine Zigarette an und setzte sich ans Fenster. Er hoffte inständig, dass die Polizei sich nicht noch einmal wegen der jungen Frau bei ihm melden würde …
*
Das Schrille Leuten des Telefons riss Alex aus dem Schlaf. Erschrocken fuhr er hoch und sein Rücken meldete sich voller Schmerzen zu Wort. Er war noch am Tisch sitzend eingeschlafen und der winzige Rest des Glimmstängels hatte einen Brandfleck in den Tisch geschmort.
Murrend wankte er zum Telefon, ließ den Hörer beinahe fallen und brachte nur ein gemurmeltes „Wer da?“ hervor.
Tobend Brüllte sein Chef in die Leitung, was ihm einfiele einfach zu verschlafen und ihn auf einem Berg Arbeit sitzen zu lassen.
Alex Brauchte einen Moment, um wieder klar im Kopf zu werden. Die Nacht war viel zu Kurz und sein Chef überrollte ihn schon mit irgendwelchen dummen Arbeitsweisheiten … Wut kochte in Alex hoch. Er konnte das Geplärre nicht mehr ertragen. Es wühlte ihn auf und traktierte eine Bestie in seinem Inneren, die zu Toben begann. Nach all dem, was gestern geschehen war, hatte er keine Lust mehr sich so behandeln zu lassen.
Tief Luft holend bereitete er sich auf einen Gegenangriff vor und brüllte zurück. Es platze alles aus ihm heraus, was ihm seit jeher auf der Zunge brannte. Er presste den Hörer fest an seine Wange, als er in kurzen Sätzen wiedergab, was gestern alles vorgefallen war. Sein Chef könne ihn am aller Wertesten küssen und heute würde er garantiert nicht zur Arbeit erscheinen.
Schweigen herrschte am anderen Ende des Telefons. Er schien seinen Chef überrumpelt zu haben. Überraschenderweise legte dieser mit einem kurzen ruhigen „Na gut …“ auf.
Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war?
Der Zorn, der soeben noch durch Alex Adern Jagte, wie ein Rudel tollwütiger Hunde, verpuffte in jenem Moment, als er den Hörer auflegte.
Was war soeben geschehen? Fassungslos ließ er sich auf den verschlissenen Sessel fallen. Es war doch sonst nicht seine Art, seinen Chef anzubrüllen. Er war mehr der Typ Mensch, der von anderen herumgeschupst wurde. Das musste der Stress sein. Am Besten er ließ sich von seinem Arzt erstmal Krank schreiben. Vielleicht würde er ihm das sowieso verordnen?
Um seine Gedanken freizubekommen, griff er fast mechanisch nach der Fernbedienung und zappte durch mehrere Programme. Ein grausiges Programm nach dem anderen flimmerte in bunten Farben über den Bildschirm. Müll wie „Endlich schön“, „Das Leben von Harz 4 Empfängern“, „Dokumentiertes Versagen im Leben“ „Big Sister“ …
Erneut grollte in ihm dieses brennende Gefühl und er war kurz davor die Fernbedienung gegen den Fernseher zu schmettern, als er auf ein Programm Zappte, das soeben die Nachrichten brachte. Sie zeigten den Bahnsteig, an dem Tags zuvor sein Zug gehalten hatte. Insgesamt gab es dreizehn Opfer, berichtete die Pressesprecherin.
Reflexartig krallte sich Alex in die Armlehnen des Sessels und warf dabei die Fernbedienung auf den Boden. Die Bilder von Blut und Gewalt schossen ihm wieder durch den Kopf. Er musste dringend zum Arzt …
Zitternd betrachtete er seine verletzte Hand. Er fand es seltsam, das sie nicht schmerzte. Vielleicht wirkte aber auch noch die Spritze, die ihm der Notarzt gegeben hatte. Das sollte sein Hausarzt entscheiden …
*
Wieder begab er sich zu Fuß auf eine lange Reise durch die lebende Schlange mit den unendlich vielen Köpfen. Nur diesesmal war ihr Kleid schillernd und fröhlich. Überall ertönte aus elektrischen Ohrknöpfen Musik, drangen aus zahlreichen Mündern Klänge der Freude und kleine Kinder bahnten sich, mit Schultaschen bestückt, ihre eigenen, kleinen, geheimen Pfade durch die Welt der Wunder. Wie ein Surfer ließ sich Alex von dieser angenehmen Welle erfassen und durch die Wogen aus Licht treiben.
An der U-Bahn angekommen, öffnete sich vor ihm wieder die Fratze des Bösen. Einem altem Gargoylemaul gleich reckte sich ihm eine graue holprige Zunge entgegen, die einst eine formschöne Treppe war. Das Geländer an den Seiten war zerrissen und die losen Enden der Metallstangen ragten wie spitze Zähne dem Boden entgegen.
So schön die Welt am Tag war, unter der Erde schlummerten das Böse und die Dunkelheit. Nacht für Nacht krochen sie aus ihren Verstecken, um die Straßen aufs Neue zu verschlingen …
Alex schüttelte die Gedanken ab und stieg hinab in die Tiefe …
*
Wie immer war es beim Arzt zum Bersten voll. Hätte man eine weitere Wand gebaut, um das Wartezimmer zu vergrößern, so hätte man die Schlange aus Menschen nur zur Hälfte fassen können … Der Arzt in dieser Praxis war der günstigste in der ganzen Stadt und somit Anlaufstelle für all jene, die nicht das Glück hatten im Lotto zu gewinnen. Trotz der zahlreichen Kundschaft schien der Arzt nicht genug zu verdienen, um das Gebäude sanieren zu lassen. Die Wände waren vergilbt, die Lampen noch aus dem letzten Jahrhundert und die Fenster so undicht, das man sich im Winter beim Warten einen Zug holen konnte.
Alex stand in einer Ecke des Raumes und wartete geduldig darauf, endlich aufgerufen zu werden. Nur die wenigsten konnten einen Sitzplatz ergattern. Alex spürte den Atem der neben ihm stehenden in seinem Nacken und konnte die faulige Note riechen.
Überraschenderweise wurde ihm heute davon nicht schlecht. Der Gestank von gestern schien ihn abgehärtet zu haben. Auch die Menschenmassen machten ihm heute nicht wirklich etwas aus.
*
Zum Glück war seine Verletzung nicht so schlimm, wie er noch tags zuvor geglaubt hatte. Der Arzt hatte die Wunde lediglich noch einmal Frisch verbunden und ihm eine Salbe mitgegeben. Nachdem Alex ihm von den gestrigen Ereignissen berichtet hatte, bekam er auch eine Woche Ruhe und ein paar Beruhigungstabletten verschrieben.
Erleichtert machte sich Alex wieder auf den Weg. Dank der Tabletten, von denen er sofort eine nahm, fühlte er sich auf der Heimfahrt in der U-Bahn wieder sicher. In seinen heimischen vier Wänden angekommen, fiel er sofort in einen tiefen Schlaf …
*
Dunkle Schatten suchten ihn heim. Sie waren in seiner Wohnung und vor seiner Tür. Ja, sogar vor seinem Fenster schienen sie zu schweben!
Ängstlich kauerte Alex in der Ecke seines Zimmers. Das Fenster war weit geöffnet und obwohl er im vierzehnten Stockwerk auf dem Boden saß, erblickte er vor dem Fenster die vielköpfige, schwarze, dreckige Schlange. Sie verbreitete ihr Gift durch die ganze Stadt, spie es durch Fenster, Schornsteine und Terrassentüren. Sie bäumte sich auf. Unzählige nackte Leiber reihten sich wie einzelne glieder aneinander und ihre roten Augen leuchteten bedrohlich durch den giftigen lila Nebel. Gequälte Schreie hallten durch die Stadt. Die Häuser schienen sich aufzubäumen, bildeten einen Schlund aus gewaltigen Reiszähnen und hielten direkt auf seine Wohnung zu.
Ihr bekommt ihn nicht!
Woher hallte nur diese Stimme? Sie schien von überall her zu rühren! Die dunklen Schatten, die sein Zimmer bevölkerten, bauten sich als schwarzer Dunst vor dem Fenster auf. Das Häusermaul zerfiel und die Schlangengestalt trat wieder in den Vordergrund. Sie schrie erbost, tobte, schlug mit ihrem Leib auf den Boden und ließ die Welt erbeben, doch die Schatten wichen nicht von der Stelle.
Er gehört uns!
Alex zimmer stand urplötzlich in Flammen. Er schrie um sein Leben, sprang auf, doch die Schatten ließen ihn nicht hinaus. Seine Beine klebten am Boden fest, der unter der Hitze zu schmelzen begann.
Ich gehöre zu ihnen!“, hörte Alex seine eigene Stimme und stand plötzlich neben sich.
Verdutzt sah er auf sich selbst. Sein Leib war hager und bleich und unter den Augen hingen tiefe Tränensäcke.
Ein letztes Mal bäumte sich die Schlange auf und Alex fuhr vor Schreck zusammen. Sein blasses Ich war verschwunden und das Zimmer stand plötzlich leer. Nur die Schatten und die Schlange waren noch da und standen sich gegenüber, wie die Ausgeburten der Hölle. Der Kopf der Schlange, die aus Menschen geformt war, preschte hinab, riss ihr Maul auf und verschlang die Schatten und Alex Selbst.
*
Schweißgebadet und schreiend riss Alex die Augen auf. Um ihn herum war es dunkel, doch er konnte sein Zimmer erkennen. Er lag auf dem Bett und starrte auf die Zimmerlampe. Seine Decke und das Kissen lagen neben dem Bett.
„Nur ein Traum …“, sprach er erleichtert und setzte sich auf.
Es hämmerte an seine Tür. Natürlich musste das Geschrei durch sämtliche der pappdünnen Wände gedrungen sein. Es war ihm peinlich, doch er musste die Sache schnell aufklären, wenn er seine Ruhe haben wollte. Eilig zog er sich den Morgenmantel über und torkelte zur Tür.
„Ist alles in Ordnung Sir?“, fragte der Polizist, der direkt vor seiner Tür posten bezogen hatte. Routinemäßig legte er eine Hand auf den Elektroschocker.
Alex beruhigte die aufgebrachten Menschen und erklärte mit kurzen Worten, was geschehen war. Einige sahen ihn mitleidig an, andere rümpften nur genervt ihre Nase.
Da nichts Schlimmes in seiner Wohnung geschehen war, ließen ihn die Leute wieder alleine.
Genervt und beschämt zog Alex sich in das Schlafzimmer zurück. Das verdammte Gemetzel in der U-Bahn hatte wohl doch mehr an seinen Nerven gezehrt, als er wahr haben wollte. Nun hellwach griff er zur Tablettenschachtel und zur Wasserflasche, die er neben dem Bett hatte stehen lassen. Da hörte er einen wunderlichen Gesang …
Ungläubig hörte er genauer hin und trat zum Fenster. Die Melodie drang aus der Tiefe der Nacht zu ihm herauf … Jemand rief nach ihm und in Alex wuchs der Wunsch dieser Stimme zu folgen. Setzte sein Verstand nun völlig aus? Oder war er noch gar nicht aufgewacht?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s