Diebeszug I

Diebeszug I
Es war finstre Nacht und wie immer herrschte in den Straßen seiner Stadt ein nie endendes Treiben. Marco war schon seit Jahren arbeitslos, hatte jedoch ein gewinnbringendes Hobby. Ziellos wanderte er in den grauen Menschenmassen umher und betrachtete die Häuser. Die Lichter in fast allen Fenstern waren erloschen. Es gab also genügend Ziele. Doch noch fehlte das spezielle Gefühl. Immer wenn er an einem Haus mit reicher Beute vorbei kam, durchlief seinen Körper ein Kribbeln.
Marco stockte an einer dunklen, nicht beleuchteten Gasse. Es fühlte sich an, als würden Hunderte von Käfern auf seinem Körper entlangrennen und durch die Haut schlüpfen. Ja eindeutig. Hier gab es irgendwo reiche Beute! Ein schelmisches Grinsen huschte über sein Gesicht und er bahnte sich einen Weg in den Schatten. Vor Aufregung spielten seine Finger mit dem Einbruchswerkzeug.
Welches Haus war es? Suchend schweiften seine Augen über die schmutzigen Wände. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Etwas weiter hinten standen prall gefüllte Mülltonnen, deren Leerung mehr als überfällig war. Im fahlen Mondlicht sah er die Fliegen über den Turm aus Dreck schweben, gleich einem Schwarm Glühwürmchen.
Prüfend ließ er die Hand an der Wand entlangleiten. Nein, dieses Haus war es nicht. Geduldig ging er zur gegenüberliegenden Mauer und ihn durchfuhr ein Schauder. Ja, genau hier in diesem Haus schien es zu sein!
Kindliche Vorfreude kroch durch seine Adern und er hielt nach einem passenden Einstieg Ausschau. Ganz langsam, als würde er ein heiliges Ritual vollenden, folgte er der Wand und nahm sie in Augenschein. Der Putz bröckelte an sämtlichen Stellen und füllte die Risse im Asphalt. Die Fensterläden waren aus Holz und so morsch, dass allein ein strenger Blick genügte, um sie zu Staub zerfallen zu lassen. Keine zehn Schritte entfernt fand er eine alte morsche Holztür, dessen Scheibe zertrümmert war.
Ein erfreuter Seufzer entrann seiner Kehle. Solch leichte Beute hätte er nun wirklich nicht erwartet. Sein Herz pochte schneller. Er riskierte noch einen schnellen Blick über die Schulter. Flink wanderte seine Hand durch die Öffnung, die einst ein kleines rechteckiges Milchglas beherbergte und mit einer kleinen Handbewegung schwang die Tür auf.
Warme stickige Luft strömte ins Freie. Es roch nach moderndem Papier, alten Kartons und schweren ätherischen Ölen. Schnell huschte er in das ruhige Haus und schloss die Tür hinter sich.
*
In die Stille lauschend stellte er fest, dass anscheinend niemand zu Hause war. Nur die Geräusche der Straße und das leise Säuseln des Windes klangen leise an sein Ohr. Als er sich sicher wähnte, zog er ein kleines Feuerzeug aus seiner Jackentasche und zündete es an.
Unruhig legte sich das Licht auf seine nähere Umgebung. Er stand in einem alten Hausflur, der mit allem Möglichen an Müll überflutet war. Da gab es Schirmständer; alte Komoden, belagert mit unzähligen Steinen und Fossilien; Kleider, die überall willkürlich verteilt zu sein schienen …
Skeptisch nahm er einen alten Mantel auf und eine Staubwolke wirbelte durch die Luft. Angewidert ließ er das mottenzerfressene Ding wieder fallen. Ob ihn das Gefühl dieses Mal getäuscht hatte?
Prüfend schlich er durch den kurzen Flur. Auch wenn er zunächst keine Geräusche wahrgenommen hatte, so wollte er doch nicht riskieren, dass der Inhaber der Wohnung vielleicht doch zu Hause war.
Erleichtert stellte er fest, dass die Wohnung leer stand, und zückte eine Taschenlampe. Diese würde genug Licht spenden.
*
Die Endtäuschung stand ihm auf dem Gesicht geschrieben, als er aus dem letzten Zimmer kam. Hier gab es eindeutig nicht einen wertvollen Gegenstand. Warum also kribbelte es noch immer in seinem ganzen Körper, als würden die Maden nach seinen Eingeweiden suchen?
Seinem Ärger Luft machend, stieß er einige der billigen Vasen um, die neben der Tür zum vollgestopften Wohnzimmer standen. Es waren Keramikstücke der Marke „Made in China“, die man auf jedem Flohmarkt für wenige Cent hinterher geworfen bekam. Marco ballte die Hand zu einer Faust und schlug energisch gegen die Wand.
Der vermeidliche Schmerz blieb aus, dafür strömte das Kribbeln von seinem Körper direkt in seine Finger. Stromstöße schienen durch seine Hand zu jagen, pulsierten wie ein eigenes Herz, wanderten den Arm entlang und echoten in seinem Körper, als wäre er mitten in einem Drogenrausch.
Erschrocken ließ er von der Wand ab und ging einen Schritt zurück. Das Gefühl verschwand so schnell, wie es gekommen war und nur das sanfte Kribbeln blieb zurück. War die Beute vielleicht in die Wand gemauert?
Ein Lächeln zierte Marcos Lippen. Natürlich! Wenn es etwas Wertvolles gab, dann würde es sicher nicht einfach so in der Wohnung herumliegen! So etwas würde ein armer Schlucker, was der Inhaber der Wohnung sicherlich war, niemals offensichtlich liegen lassen.
Ermutigt legte er die Hand auf die vergilbte Wand und das Gefühl verstärkte sich blitzartig. Forschend ließ er die Hand kreisen. Das Kribbeln wies ihm den Weg. Im kleinen Finger zuckte und juckte es und Marco folgte nach Links. Bevor er sich versah, stand er an einer Tür. Verdutzt hielt er inne und strahlte auf das schwarz gefärbte Holz.
*
Diese Tür war ihm zuvor nicht aufgefallen. Es lag vielleicht auch daran, dass sie genau zwischen zwei dieser vollgestopften Garderobenständer lag.
Seltsame Zeichen waren in die Tür eingeritzt worden. Was für eine Sprache das wohl war? Hebräisch? Chinesisch? Russisch? Er hatte keine Ahnung. Was auch immer es für einen Schatz zu bergen galt, er war hinter dieser Tür …
Marco wollte nach einer Klinke greifen, doch seine Hand fand kein Ziel. War es viellicht gar keine Tür, sondern nur eine ungeschickt platzierte Wandverzierung? Letzteres erschien ihm logisch. Immerhin maß das Holz maximal einen halben Meter in der Breite.
Er klopfte dagegen. Jede Berührung explodierte in seinen Fingern und das Geräusch klang hohl. Das musste eindeutig eine Tür sein!
Entschlossen trat Marco einen Schritt zurück, nahm Anlauf und warf sich gegen die Tür.
Das Krachen blieb aus. Aus seiner Entschlossenheit wurde ein erstickter Schrei. Überrascht fiel Marco die Taschenlampe aus der Hand und er stürzte vornüber eine alte Holztreppe hinab. Bevor er sich versah, lag er unbequem mit dem Kopf an die Wand gelehnt auf hartem Betonboden.
Was zum Kuckuck war soeben geschehen? Marcos Kopf brummte. Sämtliche Stellen an seinem Körper mussten nun grün und blau sein. Das Atmen fiel ihm schwer. In der Dunkelheit kreisten vor seinen Augen helle Sterne und er brauchte einen Moment, bis er sich wieder aufraffen konnte.
Fluchend tastete er nach seiner Taschenlampe. Das Ding musste beim Aufprall in sämtliche Einzelteile zerfallen sein, denn es war nicht aufzufinden.
Mit tauben Fingern griff er fahrig in seine Jackentasche und holte das Feuerzeug hervor. Nur mit Mühe gelang es ihm die Flamme zu entzünden.
*
„Was ist das für eine kranke …?“, wie erstarrt glotzte er in den kleinen viereckigen Keller.
Unzählige Marcos, erleuchtet von kleinen Flammen, starrten ihn von den Wänden entgegen und auch das Zimmer schien es in einer unendlichen Ausführung zu geben. Die Wände waren alle samt verspiegelt. Auf dem grauen verschmutzten Boden war eine Art Pentagram eingezeichnet, dass mit denselben seltsamen Zeichen bestückt war, die auch die Tür zierten.
Marco blickte zurück. Die Treppe war verschwunden. Das musste eine Art Falltür oder Geheimgang gewesen sein. Wer auch immer so einen Aufwand betrieb, musste Wertvolles besitzen!
Erst jetzt bemerkte Marco, dass dieses elektrisierende Gefühl von seinem ganzen Körper Besitz ergriffen hatte. Er fühlte sich, als wäre er ein Magnet und schwerelos in der Mitte des Zimmers.
Neugierig sah er sich um. An den Spiegelwänden standen kleine Komoden und schmale Tische. Dort waren Kristalle und Fossilien verschiedenster Arten verteilt. Auch einige Kerzen standen in dem kleinen Raum. Wem auch immer diese Wohnung gehörte, er hatte ein seltsames Hobby …
Da er keine Lust hatte, sein Feuerzeug ewig in den Händen zu halten, steckte er einige Kerzen an. Die unendliche Spiegelung erweckte den Eindruck einer magischen Grotte, die bis in die Unendlichkeit zu führen schien …
Marcos Blick fiel auf einen eiförmigen Stein. Seine Augen schienen zu glühen. Von diesem Stein ging etwas aus, das ihn magisch anzog. Ehrfürchtig schritt er auf die Komode zu und griff nach dem Ei. Seine Finger durchströmte ein Puls, gleich einem lebenden Herzen. Jede einzelne Welle schien die Wärme aus seinem Körper zu ziehen. Die Faust, in der Marco das Ei hielt, begann bläulich zu glühen und das Licht wanderte in sanften Wellen seinen Arm hinauf. Er begann sich gerade Gedanken über dieses merkwürdige Phänomen zu machen, da erklang ein wütender Aufschrei und er fuhr erschrocken herum. Eine Gestalt, verhüllt von einer schwarzen Kutte, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ihn.
Dunkel raunte die Stimme des Fremden durch den Raum: „Wie bist du hier hineingekommen?“ Der Klang war fest und rau, wie das Donnern bei einem Gewitter.
Entsetzt wich Marco einen Schritt zurück und warf dabei einige Steine zu Boden. Polternd rollten sie über den kalten Beton.
Die Stimme des vermummten wurde schärfer: „Wie bist du hier hineingekommen?“ Furchtlos kam er auf Marco zu und drängte ihn zurück.
Dieselbe Frage hätte Marco dem Fremden stellen können. Er wusste es nicht und es war ihm ein Rätsel, wie sich der Fremde unbemerkt einschleichen konnte.
Schnell schüttelte Marco den Gedanken ab, griff in seinen Mantel und holte ein Klappmesser hervor. Noch nie war er bei einem Raub erwischt worden. So musste er nun das erste Mal einen Zeugen beseitigen … Schnell steckte er den Stein in seine Jackentasche und hielt das Messer drohend vor sich.
Der Fremde schien zu zögern. Er begann etwas in einer für Marco unbekannten Sprache zu sagen.
„Dein Gebrabbel wird dir nicht helfen!“, versuchte Marco den Mann einzuschüchtern. Ermutigt durch seine eigenen Worte schritt er auf seinen Gegner zu. Doch der Mann stand wie Festgefroren auf seinen Platz.
Da geschah etwas seltsames und Marco hielt inne. Die Hand des Fremden zuckte. Nein es war kein Zucken. Die Finger leuchteten, wurden von Blitzen umgeben, zitterten im unregelmäßigen elektrischen Licht.
Entsetzt schrie Marco den Fremden an: „Was soll das Werden?“, und konnte gerade noch rechtzeitig einem Schlag ausweichen.
Ein Blitz schleuderte aus der Hand seines Gegners und traf, dank Marcos schnellen Reaktion, nur einen der Komoden. Holz explodierte, Splitter flogen gleich einem steinernen Regen durch das Zimmer und eine dicke Staubwolke füllte die Luft.
Marco kreischte vor Angst, wich zurück und stieß gegen einen der Tische. Auch der Fremde schrie und fluchte laut. Seine Sprache klang in Marcos Ohren wie ein Fluch.
Durch den Staub bewegte sich die Schwarzkutte auf ihn zu und Marco stieß gegen die Spiegelwand. Gerade als sich der nächste Blitz aus den Fingern des Fremden löste und Marco glaubte sein Leben zu beenden, fiel er hinten über und landete hart auf dem kalten Kopfsteinpflaster.
*
Erstarrt sah Marco in den schummrigen Abendhimmel. Um ihn herum bewegten sich umherwandernde Menschen und an sein Ohr drang das Dröhnen von Autos.
Wie um alles in der Welt war er hierher gekommen? Noch immer panisch hielt er mit der einen Hand das Messer umklammert. Die Menschen, die seine Waffe bemerkten, sprangen zur Seite und der Abstand um ihn wurde größer.
Egal was soeben geschehen war, Marco musste so schnell wie möglich von der Straße runter! Als hätte ihn der Stromschlag des Fremden getroffen sprang er auf, steckte das Messer weg, zog den Mantel eng um seinen Körper und versank in den unendlichen Menschenmassen. Zeitlos erschien ihm seine eigene Wanderschaft und all die Menschen schienen ihm so fern, wie noch nie in seinem Leben. Er fühlte sich plötzlich verloren, ausgesetzt in einer fremden Welt, in der alle bekannten Gesetze nicht mehr existierten …

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6 Antworten zu “Diebeszug I

  1. So ein Werwolf fehlt noch in Badville! 😉
    Gefällt mir sehr gut.

    • Danke freut mich sehr ^^
      Wobei bei „Diebeszug“ keiner vorkommen wird 😉

      Nachtrag: Ach oder meinst du mein Userbild das der Geschichte vorweg geht?
      Das ist sleber gezeichnet und bleibt brav bei mir ^^

  2. Schöner Einstieg, ich möchte auf jeden Fall wissen, wie es weitergeht.
    Allerdings fand ich den Mann mit der Kutte auf Anhieb… ein bisschen enttäuschend. Ich kann gar nicht genau sagen, warum, aber auf mich wirkte er irgendwie nicht interessant genug.
    Aber vielleicht liegt das auch an mir.

    • Hi ^^
      Freut mich das dir der Anfang gefallen hat, zumindest alles außer dem Kuttenträger.
      Das kann durchaus sein, dass er auf andere uninteresannt wirkt. Mit diesem Charakter hab ich mich mal in einer neuen Sparte versucht (bin was diesen Typus von Gegnern betrifft, noch auf Neuland unterwegs). Sonst bin ich mehr für Monster aller Werwölfe und Co.

      Vielleicht wird er für dich ja in den Fortsetzungen interesannter 😉

      • Ich bin gespannt. Es war ja auch noch eher ein kurzer Auftritt.
        Werwölfe waren offen gestanden nie meine Lieblingsmonster. Ich bin mehr der Vampirtyp, glaube ich.

      • *gg* Das wars auf jeden Fall ^^
        Die Kurzgeschichten dienen ja dazu, dass sie schnell gelesen werden können.
        Vieleicht wirds in den Fortsetzungen interessanter 😉

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