Diebeszug II

Diebeszug II

Angstschweiß strömte über Marcos Körper und er begann die Umherwandernden zu beobachten.
Hagere Junkies kreuzten seine Wege. Die Menschenmassen bildeten enge Reihen, um den Drogensüchtigen aus dem Weg zu gehen. Die Passanten wirkten heruntergekommen und als würden sie von einer unsichtbaren Macht angetrieben.
Wo um alles in der Welt war er hier gelandet? In dieser Gegend war er sonst nie unterwegs!
Als er sich umsah, erblickte er den Eingang zu einem U-Bahn Tunnel, in den auch die Junkies hinabstiegen. Das Schild am Eingang zeigte den Namen „U-Herbstweg“. Diese Station kannte Marco überhaupt nicht. Missmutig ging er den Gestalten hinterher. Der Fahrplan würde ihm Aufschluss über seinen momentanen Aufenthaltsort geben.
Wie vieles in dieser Stadt hatte die Treppe, als auch die gesamte Untergrundbahn, eine Generalüberholung nötig.
Angewidert trat Marco gegen eine leere Bierdose, die scheppernd in die Tiefe kullerte. Während er die Treppe hinab stieg, meinte er in den Schlund eines Monsters einzutauchen …

*

Vor dem Kartenschalter war ein bebilderter Fahrplan angebracht und Marco erbleichte. Er war am anderen Ende der Stadt gelandet! Wie war das geschehen?
Etwas pulsierte in seiner Jackentasche und Marco erinnerte sich wieder an das seltsame Diebesgut. Warum hatte ihn sein Instinkt einen wertlosen Stein finden lassen? Sonst waren es wenigstens irgendwelche Goldmünzen von Sammlern, die er auf dem Schwarzmarkt wunderbar verkaufen konnte … Überhaupt was war das nur für eine schräge Nummer mit den Blitzen und der geheimen Kammer? Trieb da jemand einen Scherz mit ihm?
Marco schüttelte den Kopf. Es gab hier niemanden der ihn kannte! Niemand konnte ihn einen Streich spielen! Vielleicht war sein letzter Kaffee ja mit Drogen durchsetzt und er soeben erst aus einem Rausch erwacht?
Ein beklemmendes Gefühl nahm von Marco Besitz. Wie versteinert sah er auf den in Glas gerahmten Fahrplan und betrachtete sein durchscheinendes Spiegelbild. Kalt leuchtete das Neonlicht über seinem Haupt. Gelegentlich ertönte ein Surren und das Licht flackerte unruhig, so das sein Schatten zu tanzen begann.
Als er sich umwandte, bemerkte er den eiskalten Blick eines Junkies. Seine starrenden Augen bohrte sich in die Marcos und schien bis in das Innerste seiner Seele vorzudringen. Doch Marco wusste, wie er mit dieser Art von Gesindel umzugehen hatte. Sein Blick verfinsterte sich und er gewann das Blickduell. Ruhig wandte sich Marco wieder dem Spiegelbild zu.
Noch einmal dachte er über die Drogentheorie nach. Ja, so musste es gewesen sein. Das Kaffeehaus von heute Morgen würde er in Zukunft meiden. Irgendjemand hatte ihm übel mitgespielt und der leuchtende Stein war sicher nur irgendein schäbiger Trick gewesen. Nichts als glühende Farbe, die im Dunkeln leuchtete und die Drogen gaben ihm den Rest. Wie sonst war er am anderen Ende der Stadt gelandet? Sicher hatte er einen gewaltigen Blackout gehabt und war schon eine ganze Weile auf der Straße gelegen …
Wütend über diesen Streich schrie er auf und zog für einen Moment alle Aufmerksamkeit auf sich. Selbst der Wachmann in seinem Häuschen sah einen Moment von seinem Fernseher auf und nahm Marco ins Visier.
Sich selbst einen Idioten schimpfend, riss Marco sich wieder zusammen und blieb noch eine Weile auf der anderen Seite des Schalters stehen.
Marco hatte den Kampf mit dem Junkie gewonnen, aber eine Fahrt im selben Zug mit diesen wirren Typen wollte er nicht riskieren. Er hatte schon oft erlebt, wie solche Leute einen Ausraster bekamen und ohne erkennbaren Grund über Andere herfielen.

*

Nach einigen Minuten verschwanden die Junkies, samt einen Schwall Personen auf Gleis Nummer drei. Marco überprüfte noch einmal den Fahrplan und stellte erleichtert fest, dass er Gleis Nummer fünf nehmen musste. Schnell zog er sich ein Ticket und eilte den Korridor entlang.
Wie eine erdrückende Last schienen die Wände langsam näher zu kommen. Es stank entsetzlich nach Urin und Erbrochenem. Stets auf seine Schritte achtend, ging Marco um die zahlreichen Pfützen herum, die sicher nicht auf natürliche Weise aus dem Boden hervorgesickert waren … Ein Schauder rann ihm über den rücken, als er an etwas braunen Unförmigen vorbei kam, bei dem er inständig hoffte, ein Hund hätte diesen hinterlassen. Eine seltsame Kälte schien von diesem Ort auszugehen.
Als er an der Abzweigung zu Gleis drei vorbei kam, beschlich ihn das Gefühl, dass dieser Zug heute kein Glück haben würde.
Marco schüttelte entrüstet den Kopf. Die Drogen im Kaffee mussten ganze Arbeit geleistet haben, jetzt begann er schon unter Wahnvorstellungen zu leiden.
Endlich erreichte er die Abzweigung zu Gleis fünf.

*

Lange stand Marco da und betrachtete die versiffte Sitzbank. Einerseits fühlte er sich müde und hätte sich gerne hingesetzt, aber andererseits gefiel ihm überhaupt nicht, was er da sah.
Ob diese U-Bahn über eine Putzfrau verfügte? Wenn er sich den Dreck so betrachtete, dann wohl eher nicht. Irgendjemand hatte etwas Essbares wie einen Teppich über die Sitzbank verteilt. Die Lehne war mit Kaugummis verklebt, als hätte jemand versucht die Löcher zu versiegeln. Mit Brachialgewald war ein Loch in das Sitzgitter gesprengt worden, sodass die einzig saubere Stelle einen den Hintern aufschnitt, wenn man sie benutzt hätte.
Ein Gluckern in der Bauchgegend riss Marco aus seinen Gedanken und er sah sich nach einem Automaten um. Zu seinem Glück war das einzige Gerät das hier Stand defekt und ausgeräumt.
Da spürte er wieder einen kalten Puls …

*

Auf Gleis drei fuhr gerade der Zug ab, als Marco in seine Jackentasche griff und den Stein hervor holte. Das Ei zog die Wärme aus seinem Körper und Marco begann vor Kälte zu zittern.
Die Welt um ihn herum verlor an Farbe, wurde grau, verfinsterte sich und plötzlich befand er sich im Nichts.
Erschrocken ließ er den Stein fallen. Rumpelnd kam er auf dem Boden auf und binnen eines Wimpernschlags waren alle Farben wieder da.
In Marcos Kopf jagte ein Gedanke den Nächsten, um schließlich bei einem einzigen zum Stillstand zu gelangen.
Der Stein musste vergiftet sein!
Aber wie war das Gift durch die Jacke an seinen Körper geraten? Was für ein kranker Scherz war das? Und warum überhaupt hatte er diesen lächerlichen Stein mitgenommen?
Langsam ging er in die Hocke und starrte auf das Ei. Obwohl es soeben auf dem Boden gelandet war, hatte es keinen Kratzer. Seine Oberfläche war leicht rau. Nichts Besonderes also, der Stein hatte lediglich die Form von einem Ei.
Ratternd rollte der Zug an Bahngleis fünf ein und Marco richtete sich wieder auf. Sollte der Stein hier doch liegen bleiben. Mitnehmen würde er ihn sicher nicht.
Doch gerade, als er einen Schritt auf die offene Zugtüre zugehen wollte, hielt ihn etwas zurück. Unsichtbare Hände schienen sich auf seine Schultern zu legen und ihn umzudrehen. Er versuchte sich wieder abzuwenden, doch er konnte nicht.
Bring ihn zurück!
Wer war das? Erschrocken blickte sich Marco um. Die Stimme klang wie grollender Donner.
Bring ihn mir wieder zurück!
Das war unmöglich! Diesen Kuttenträger hatte er sich doch nur eingebildet! Oder wirkte das Gift im Stein noch immer? War er noch im Rausch und dies alles ein bizarrer Traum?
In Trance ging er auf den Stein zu, beugte sich hinab und griff nach ihm. Die Kälte nahm erneut von seinem Körper Besitz und er ließ den Stein in seiner Jackentasche verschwinden. Taumelnd stieg er in den klapprigen Waggon und ein Zischen ertönte unter dem Zug. Langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung.
Marco krallte seine Hände ungelenk in die Sitze, nahm seine letzten Kräfte zusammen und schob sich auf diese Weise langsam vorwärts. In einem leeren Abteil ließ er sich in eine der Sitze fallen.
Bring den Stein wieder zurück!

*

Marco befand sich wieder im Spiegelraum, doch diesesmal war das Zimmer leer. Er stand inmitten dieses Pentagrams. Überrascht wollte er nach seinem Messer greifen, doch er schien zur Salzsäule erstarrt zu sein. Mit aller Kraft versuchte er sich zu bewegen und spürte dabei einen allgegenwertigen Druck, der auf seinem Körper lastete.
Wie war er nur wieder hier hergekommen? Saß er nicht im Zug auf dem Weg nach Hause?
Marco fuhr zusammen, als die raue dunkle Stimme hinter ihm erklang.
„Bring mir den Stein wieder zurück …“
„Zeig dich du Feigling!“, brüllte Marco in den Raum. Er versuchte seinen Kopf zu drehen, ohne Erfolg.
Beharrend und nicht auf seine Worte reagierend, wiederholte sich der Vermummte: „Bring mir den Stein zurück …“
„Verdammt!“, fluchte Marco und zitterte vor Wut am ganzen Leib. „Dann nimm ihn dir aus meiner Jackentasche! Was soll der Unfug? Ich stehe direkt vor dir! Nimm dir das verdammte Ding und lass mich in Ruhe!“
Langsame Schritte echoten durch den Raum und Marco sah den Vermummten aus dem Augenwinkel um sich herum schreiten.
„Bring mir den Stein zurück …“
Auch die Stimme hallte plötzlich als Echo wieder. Unzählige Flammen leuchteten um ihn herum auf. Kerzen wuchsen wie Reißzähne aus dem Boden empor und überragten Marco und den Vermummten wie eine Art Gitter. Die Lichter spiegelten sich hundert Male in den Wänden wieder und formten eine bizarre gelbe Grotte. Die einstige Betondecke wurde plötzlich zu einer felsigen Kuppel, gleich einer Kapelle aus dem Mittelalter. Auch diese spiegelte sich unendlich in den Spiegeln fort und schien in der Ferne von Schwärze verschlungen zu werden …
Der Boden unter Marco bebte, der Fremde wiederholte ohne Unterlass seinen Satz, der sich wie ein heißes Eisen in Marcos Kopf schmorte.
Marco schrie der Fremde solle sich den verdammten Stein selber holen, ihn in Ruhe lassen, aus seinem Leben verschwinden, doch der Fremde reagierte nicht. Immer und immer weiter fuhr er seine Formel fort.

*

Da traf Marco plötzlich ein Arm an der Schulter und er schreckte Hoch.
„Geht es ihnen Gut?“, klang eine besorgte Stimme an sein Ohr.
Wo war er bloß? Alles schaukelte, aber er saß. Vor ihm waren Sitze. Fahrig wandte er sich um und blickte einem jungen Mann im Bahnangestellten-Look ins Antlitz.
„Ist mit Ihnen alles in Ordnung? Sie haben geschrien. Wohl ein Albtraum?“, erkundigte er sich freundlich.
Erleichtert atmete Marco durch. Ein Albtraum. Ja, das musste es wohl gewesen sein.
Nachdem der Kontrolleur Marcos Ticket begutachtet hatte, sank Marco wieder in seinen Sitz zurück. Er spürte den verdammten Stein, wie er sich kalt gegen seinen Brustkorb drückte und vor sich hin pulsierte. In was für eine kranke Freakshow war er da nur hineingeraten?
Verloren glitt sein Blick nach draußen und er starrte auf die verschwommene graue Tunnelwand. Ratternd bewegte sich der Zug vorwärts. Noch eine gute Stunde, dann war Marco endlich zu Hause …

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